Dieser Frühling wird hart für Allergiker
Leverkusen. Wer jetzt starke Atemwegsbeschwerden hat, sollte daran denken, dass eine Pollenallergie dahinterstecken kann. Darauf weist der Ärzteverband Deutscher Allergologen hin. Untrügliches Zeichen: der Juckreiz in der Nase. Und der wird bei Heuschnupfen-Kranken nun garantiert starten…
Der lange Winter hatte auch seine Vorteile. Zumindest für Heuschnupfen-Kranke. „Für sie war dieses Jahr bisher so gut wie es lange nicht mehr war”, sagt der Internist und Pneumologe Norbert Karl Mülleneisen (54), Gründer des Asthma- und Allergiezentrums in Leverkusen. Doch mit dem schönen Frühlingswetter ist die schöne Zeit für die Allergiker nun vorbei. „Das dicke Ende naht”, ist der Experte überzeugt. Eine Befürchtung, die auch der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) teilt. „Die Pollen kommen. Zwar spät, aber mit kawumm!”, kündigt DAAB-Sprecherin Sonja Lämmel für diese Woche an. Denn weil die Kälte die Baumblüte verzögerte, gesellen sich zum verspäteten Flug von Hasel- und Erlenpollen nun auch noch die Birkenpollen. Das Phänomen, unter dem die Heuschnupfen-Kranken bereits im vergangenen Jahr zu leiden hatten, sei sogar noch steigerungsfähig: „Für Birken ist dieses Jahr ein so genanntes Mastjahr”, erläutert Lämmel. „Bei der Pollenausschüttung wird es für sie ein Top-Jahr.” Und Birkenpollen gehören zu den Hauptauslösern von Heuschnupfen und allergischem Asthma.
Eine Falle auf dem Dach
Wenn Norbert Karl Mülleneisen wissen möchte, welche Pollen seine Patienten besonders quälen, dann steigt er sich selbst aufs Dach. Beziehungsweise, dann wertet er jene Daten aus, die er dort gesammelt hat: in einem 50 Zentimeter hohen grünen Gerät auf drei Beinen, das sich im Wind dreht und ständig Luft ansaugt. Sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr, konstant zehn Liter pro Minute. Seit einem Jahr hat der Allergologe diese Pollenfalle über den Dächern Leverkusens stehen – und ist begeistert davon, was er dort findet und wie er diese Erkenntnisse in seiner Praxis umsetzen kann. „Ich bekomme eine Menge Daten und kann die Patienten nun viel gezielter behandeln”, sagt er. Dazu muss er nur die tägliche Pollenflugstatistik mit den individuellen Beschwerde-Kalendern der Allergiker übereinanderlegen – und schon lässt sich eine viel genauere Aussage darüber treffen, gegen welche Pollen genau der Betroffene allergisch ist.
Statt beispielsweise eine allgemeine Therapie gegen alle Frühblüher durchzuführen, lässt sich eine Hyposensibilisierung dadurch viel individueller, und damit auch effektiver, gestalten. Zugleich sorgt die besondere Falle bei dem Experten selbst für manche Überraschung – und gibt Anregungen für seine Arbeit. Dass nämlich auch Brennnesseln-Pollen Allergien auslösen können – und sich diese erfolgreich behandeln lassen – hat Mülleneisen bei einem Patienten schon konkret erfahren. Nun will er testen, ob auch die erhöhte Verbreitung von Raps-Pollen Allergiker leiden lässt.
Unabhängig davon jedoch steht eines fest: Der Pollenflug in Europa findet immer länger und immer stärker statt, betrifft mehr (und auch ältere) Menschen als früher und führt immer häufiger zu Asthma. Dafür verantwortlich sind offenbar viele Faktoren: angefangen von der Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung über ein zu großes Hygieneverhalten bis zur Zunahme von Konservierungsstoffe in Lebensmitteln. Eine neue Form der Umweltverschmutzung und die Zunahme von Feinstäuben sorge dafür, dass die Pollen aggressiver werden: Je feiner die Teilchen sind, umso besser können sie sich mit Pollenelementen vermischen. So können sie eingeatmet werden und gelangen in die Lunge. „40 Prozent der Heuschnupfen-Patienten bekommen Asthma – das ist sehr viel”, sagt Mülleneisen. Deshalb sei diese Allergie keinesfalls eine Bagatell-Erkrankung, sondern habe massive Auswirkungen – sowohl was die „enormen volkswirtschaftlichen Kosten” betreffe, als auch die gesundheitlichen Folgen. Auch vor diesem Hintergrund rät der Experte daher zu einer so genannten Hyposensibilisierung oder spezifischen Immuntherapie. Sie sei zwar durch die regelmäßigen Spritzen (erst wöchentlich, später monatlich) innerhalb von drei Jahren auf den ersten Blick langwierig und aufwändig, aber nach wie vor die erste Behandlungsform. 10 bis 20 Jahre haben die Patienten nach dieser dreijährigen Behandlung dann Ruhe, „wenn sie Glück haben sogar lebenslang”.
Doch für einen spontanen Start ist es schon zu spät: Erst nach dem Ende der Pollenflugsaison lässt sich diese Therapie beginnen. Bis dahin bleibt den Allergikern nur, die Symptome zu bekämpfen. „Unser Tipp ist, frühzeitig Antihistaminika zu nehmen”, rät DAAB-Sprecherin Sonja Lämmel. „Und nicht erst zu warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.”
Quelle: DerWesten.de