Stundenlanges Händewaschen oder die endlose Kontrolle der Wohnungstür – Zwangshandlungen sind immer wieder auftretende Verhaltensweisen zu denen sich der Betroffene gedrängt fühlt, obwohl sie ihm selber oft sinnlos oder zumindest übertrieben erscheinen.
Hauptmerkmal einer Zwangsstörung sind zum einen wiederkehrende Zwangsgedanken, zum anderen Zwangshandlungen. In mehr als der Hälfte aller Fälle treten beide zusammen auf. Bei Zwangsgedanken handelt es sich um aufdringliche Ideen, Gedanken, Bilder oder Impulse. Bei Zwangshandlungen um Handlungen, zu denen sich der Betroffene innerlich gedrängt fühlt.
Der Übergang von normalem zu zwanghaftem Verhalten verläuft oft fließend und ist deshalb auch schwer zu erkennen, generell gilt jedoch: Je stärker das zwanghafte Verhalten von dem sonst üblichen Verhalten abweicht und je mehr sich der Betroffene in seinem alltäglichen Leben behindert und eingeengt fühlt, desto mehr wird man von einer Störung oder Erkrankung sprechen.
Für die Diagnose Zwangserkrankung müssen die Zwangssymptome mindestens zwei Wochen lang jeweils mehrere Stunden am Tag vorkommen und von den Betroffenen als störend empfunden werden.
Eine Million Deutsche betroffen
Die Häufigkeit von Zwangsstörungen ist lange Zeit unterschätzt worden. In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass 1 bis 2 Prozent der Deutschen Bevölkerung irgendwann im Leben unter ausgeprägten Zwängen leiden. Betroffen sind in etwa gleich viele Männer wie Frauen. Viele der Betroffenen haben sich bereits während der Kindheit zwanghaft verhalten. Bei 85 Prozent der Zwangserkrankten sind die Symptome vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt.
Gefangen in den eigenen Gedanken
Den Betroffenen ist zumindest zeitweilig die Unsinnigkeit ihres Denkens und Handelns bewusst. Trotzdem gelingt es ihnen nicht, sich aus der Gefangenschaft ihrer Zwangsgedanken und –handlungen, wie beispielsweise der wiederholten Kontrolle von elektrischen Geräten, Wasserhähnen oder Türschlössern zu befreien. Fatalerweise wird durch das Ausführen des Zwangsrituals der Zwang immer stärker und die Betroffenen erreichen immer schwerer ein Gefühl der Sicherheit.
Der Widerstand gegen die Zwangshandlungen bleibt oft erfolglos und führt lediglich zu schweren Schuld- und Schamgefühlen bei den Betroffenen. Sobald sie sich den Zwangshandlungen widersetzen, erleben sie verstärkt Angst und Spannungen. Diese erscheinen den Zwangskranken so unerträglich, dass sie wieder zu ihren Ritualen greifen. Zwangsstörungen sind deshalb für die Betroffenen mit einem großen Leidensdruck verbunden und schränken ihn zum Teil massiv in seinem normalen Leben ein.
Verschiedene Zwänge
Zu den häufigsten Zwangshandlungen zählen Wasch- und Reinigungszwänge sowie Kontrollzwänge. Weitere Formen sind Ordnungszwänge, Zählzwänge, Sammelzwänge oder Wiederholungszwänge.
Zwangsgedanken haben überwiegend sexuelle, aggressive beziehungsweise religiöse Inhalte oder beziehen sich auf Ordnung und die korrekte Ausführung bestimmter Tätigkeiten. Weitere Inhalte von Zwangsgedanken können starker Ekel vor körperlichen Ausscheidungen, Angst vor einer Infektion durch Schmutz und Keime sowie befürchtete Umweltzerstörungen sein. Zwanghafte Grübeleien können auch im Rahmen einer Depression auftreten.
Behandlung von Zwangserkrankungen
Noch vor einiger Zeit galten Zwangserkrankungen als nicht – oder zumindest nur sehr schwer – behandelbar. In den vergangenen Jahren wurden die Behandlungsmöglichkeiten für Zwangspatienten jedoch stark verbessert. Mittlerweile können die Zwangssymptome der meisten Betroffenen auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt werden. Vollständig geheilt werden jedoch nur die Wenigsten. Grundsätzlich können Zwangserkrankungen auf zwei verschiedene Arten behandelt werden – mit Medikamenten oder mit Hilfe einer Verhaltenstherapie.
Gute Erfolge bei der medikamentösen Behandlung von Zwangserkrankungen werden mit den so genannten selektiven “Serotonin-Wiederaufnahmehemmer” (SSRI) – einer bestimmten Gruppe der Antidepressiva – erzielt. Besonders bewährt haben sie sich dann, wenn die Betroffenen zusätzlich unter Depressionen oder Angstzuständen leiden. Serotonin ist ein körpereigener Botenstoff, der die Verbindung der einzelnen Nervenzellen im Gehirn sicherstellt. Die Wiederaufnahmehemmer helfen dabei, die bei den Zwangserkrankten gestörte Impulsweitergabe wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Verhaltenstherapie geht die Probleme der Betroffenen direkt an und versucht sie zu beseitigen. Langzeitstudien belegen, dass sich der Zustand von 75 Prozent der entsprechend behandelten Zwangserkrankten 2 bis 6 Jahre nach Ende der Verhaltenstherapie gebessert bis sehr gebessert hatten. Neben den Zwangssymptomen werden im Rahmen der Verhaltenstherapie auch darüber hinausgehende Probleme des Patienten durchgesprochen und bearbeitet – wie Versagensängste, soziale Ängste oder Hemmungen, negative Gefühle auszudrücken.
*Quelle: Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.*